Sufismus ist Religion, wenn jemand Religion lernen möchte, ist Philosophie, wenn jemand Weisheit aus ihm schöpfen möchte, ist Mystik, wenn jemand sich durch ihn auf dem Weg der Entfaltung seiner Seele führen lassen möchte.

Hazrat Inayat Khan

Eine höhere Vereinigung

Häufig hört man die Frage, warum, wenn Gott gut und schön ist, so viel Böses und Hässliches in der Welt ist. Die Antwort lautet, dass der Schöpfer den Menschen mit Freiheit ausgestattet hat. Wir sind frei, die Liebe zu wählen und damit die Tugenden und anregenden Ideen, die die Liebe erweckt, oder die Lieblosigkeit zu wählen und mit ihr die dunklen Schatten, die Lieblosigkeit wirft.

Die Propheten und Prophetinnen sind lebendige Beispiele für Liebe. Sie lebten ein sterbliches Leben und kannten all die Begrenzungen, Prüfungen und Versuchungen der irdischen Existenz. Was die Propheten so außergewöhnlich macht, ist nicht der Besitz übernatürlicher Kräfte, sondern ihre Entschlossenheit, Gott von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit aller Macht zu dienen und zu verherrlichen. Indem sie für den Schöpfer lebten und Seelen aufgerufen haben, sich an ihren göttlichen Ursprung zu erinnern, wurden sie zu einem Licht für die Welt.

Die Weltreligionen sind das Vermächtnis der Propheten. Unter einer Kruste aus Tradition liegt im Kern jeder Religion Offenbarung: der Ruf des Einen an die Vielen. Tradition ist wichtig im Spiel des menschlichen Lebens, aber viel zu oft hat ein enger und ausgrenzender Umgang mit Tradition das, was am Wichtigsten ist, verdunkelt: das heilige Band zwischen der Seele und ihrer göttlichen Quelle.
In letzter Zeit haben sich viele Menschen gegen die Zwänge überlieferten Glaubens aufgelehnt und von ihrer Religion abgewandt. In den vergangenen drei Jahrhunderten haben Entdeckungen und Erfindungen erstaunlich zugenommen. Die Gefahr, die so viele neue Errungenschaften in sich bergen, ist, dass das Gefühl für das Heilige verloren geht. Wenn die Gegenwart des Numinosen verblasst, muss die Welt unweigerlich zu einem spirituellen Brachland werden.
Durch Reisen, Handel, Immigration und Kommunikation wurden die Nationen der Welt immer enger miteinander verbunden. Dennoch bleibt das Bedürfnis der Menschen nach einer höheren geistigen Verbindung. Dieses Streben wird sich verwirklichen, wenn endlich Menschen aller Glaubensrichtungen erkennen, dass all die Religionen, denen sie angehören, einzelne Glieder des EINEN Glaubens sind und wenn sie alle Propheten als die Stimmen EINER unerschöpflichen Wahrheit achten.
Vor allem erfordert die Umsetzung einer höheren Vereinigung, dass wir uns hoch genug erheben, um über die Grenzen unseres getrennten Selbst hinaus zu schauen und die Vernetzung unserer Einzelexistenzen wahrzunehmen und die letztendliche Einheit der gesamten Existenz zu bezeugen.

Was ist Sufismus?

Irgendwie sind wir – durch eine Kraft unvergleichlichen Ausmaßes – aus der Nichtexistenz ins Dasein befohlen worden; in Körper aus zart verwobenem Sternenstaub gesteckt, wurden wir freigesetzt an der Oberfläche einer Welt von Himmel, Ozean und Erde. Wie sollen wir diese Chance nutzen?
Für den Materialisten ist die Welt eine Spielwiese, auf der er glänzenden Tand sammelt.
Der Intellektuelle bevorzugt es, Fakten zusammen zu tragen und Türme aus Theorien zu erbauen. Der Poet kümmert sich weder um materielle Werte noch um Fakten, sondern jagt der Schönheit hinterher.

Und wie sieht die Suche des Sufi aus?

Der Sufi sucht in dieser Welt die Gegenwart des Einen, aus dem die Welt gekommen ist. Der Sufi erinnert sich, dass wir nicht für uns selbst hier sind, sondern für das Eine, dem wir gehören. Dies zu erinnern bedeutet, unsere Sorgen und unseren Groll abzulegen und unseren Blick empor zu heben zu dem Einen, das allezeit war, immerzu sein wird und das hier und jetzt ist, im Innersten von allem.
Der Sufi entdeckt eine Kraft, eine Emotion, die unaufhörlich aus diesem Einen strömt, die nicht in die engen Schubladen menschlicher Sprache passt. Die weitest gehende Annäherung dies auszudrücken ist, es Liebe zu nennen.

Es gibt keine höhere Berufung als die, das eigene Leben zu einem reinen Kanal für diese ursprüngliche Macht werden zu lassen - diesem Mitgefühl und diesem Sehnen, das alles hervorgebracht hat, was existiert.
Sufismus ist der Weg der Reinigung und des Sich-erinnerns, wobei das Herz zum Gefäß dafür wird.

Pir Zia Inayat-Khan

Zehn Sufi Gedanken

Es gibt zehn grundlegende Sufi Gedanken,
die alle wichtigen Fragen beinhalten,
mit denen sich das innere Leben befasst.

Hazrat Inayati Khan

 

  1. Es gibt Einen Gott, den Ewigen, das einzige Sein; nichts existiert außer Gott.
  2. Es gibt Einen Meister/Eine Meisterin, den inspirierenden Geist aller Seelen, der diejenigen, die ihm folgen, unablässig dem Licht entgegenführt.
  3. Es gibt Ein Heiliges Buch, die heilige Handschrift der Natur, die ihren Leser wahrhaft erleuchtet.
  4. Es gibt Eine Religion, das unentwegte Fortschreiten in direkter Richtung auf das Ideal zu, welches den Lebenszweck einer jeden Seele erfüllt.
  5. Es gibt Ein Gesetz, das Gesetz der Gegenseitigkeit, das in selbstloser Bewusstheit, verbunden mit einem erwachten Sinn für Gerechtigkeit erfüllt werden kann.
  6. Es gibt Eine Familie, eine menschliche Gemeinschaft, die Bruder- und Schwesternschaft, die alle Kinder der Erde ohne Unterschied in der Elternschaft Gottes vereint.
  7. Es gibt Eine Moral, die Liebe, die der Entsagung entspringt und in Wohltätigkeit erblüht.
  8. Es gibt Ein Objekt der Lobpreisung, die Schönheit, welche das Herz ihres Verehrers durch alle Erscheinungen emporhebt, vom Sichtbaren bis zum Unsichtbaren.
  9. Es gibt Eine Wahrheit, die wahre Kenntnis unseres inneren und äußeren Wesens, welche die Essenz aller Weisheit ist.
  10. Es gibt Einen Weg, die Auflösung des falschen Selbst im Wirklichen, was den Sterblichen zur Unsterblichkeit erhebt und worin jegliche Vollkommenheit liegt.

Grundlage: „Ten Sufi Thoughts“ in The Way of Illumination von Hazrat Inayat Khan.