Welche Kraft könnte freigesetzt werden, wenn die Menschheit sich in wahrer Geschwisterlichkeit vereinen würde! Welche Atmosphäre kann schon von zehn Menschen geschaffen werden, die in Harmonie miteinander verbunden sind!

Hazrat Inayat Khan

Der Universelle Gottesdienst

Ein Gottesdienst, der unterschiedlichste Vorstellungen von Gott vereint? Das klingt wie eine Zukunftsvision, ein Wunschtraum. Und doch wird er so seit fast hundert Jahren praktiziert, in Deutschland und anderen europäischen Ländern, in Südafrika, Australien und Amerika.

In der Mitte des Altars auf einem hohen Leuchter brennt eine Kerze – ein Symbol für das Gotteslicht, das Licht der Göttlichen Präsenz, das zeitlos, ewig hinter allem Erschaffenen leuchtet. Um das Gotteslicht herum sind acht weitere Kerzen angeordnet. Sie stehen für die großen Weltreligionen, die das Göttliche Licht in verschiedenen Epochen und Kulturen der Menschheit in ihrer je eigenen Farbe haben aufleuchten lassen.
Zu dieser Feier haben sich Menschen verschiedener Glaubensrichtungen versammelt. Sie sind zusammengekommen, um gemeinsam die Eine Göttliche Wirklichkeit zu verehren, die in den Weltreligionen unter vielfältigen Namen angebetet wird – Gott, Allah, Adonai, Brahma, Shiva, Vishnu, Ahura Mazda oder Sophia, Schekhinah, Maria, Parvati, Lakshmi, ...um nur einige zu nennen.

Der so genannte Universelle Gottesdienst entstand 1921 durch die Inspiration von Hazrat Inayat Khan. Der indische Sufi-Lehrer kam 1910 in den Westen, um die westliche Religiosität mit der östlichen Spiritualität bekannt zu machen. Universell wird dieser Gottesdienst genannt, weil er Anhänger der verschiedensten Glaubensrichtungen dazu einlädt, das Verbindende, die gemeinsame Essenz, die allen Religionen und Konfessionen zugrunde liegt, gemeinsam zu feiern, ihr höchstes Ideal im gemeinsamen Gebet zu verherrlichen.

Die Eröffnung

Der Gottesdienst beginnt mit einer Anrufung der Einen Göttlichen Wirklichkeit: »Dem Einen entgegen, der Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit, dem einzigen Sein ...«
Die Worte sprechen von der Sehnsucht der Seele, dem Göttlichen Sein näher zu kommen, einzutauchen in den Urgrund alles Erschaffenen. Zugleich drückt sich in ihnen die Hoffnung aus, an diesem inneren Ort der Begegnung mit dem Göttlichen die Ideale von Liebe, Harmonie und Schönheit zu erfahren und aus dieser Erfahrung Kraft zu schöpfen, um diese Werte im täglichen Leben umzusetzen.

Die Lichterzeremonie

Mit dem ewigen Licht der Gotteskerze werden nun die acht Kerzen entzündet, die um das Gotteslicht herum gruppiert sind. Die Zeremonie beginnt mit dem Licht, das die alten Traditionen der Großen Göttin symbolisiert, der Urmutter, die mit ihrer Fruchtbarkeit alles Sein aus sich selbst hervorbringt. Es folgen – etwa in der Folge ihrer Entstehung – die Kerzen für die Religionen des Fernen Ostens: den Hinduismus, die Lehre Buddhas und die Religion Zarathustras; einst Staatsreligion des persischen Großreiches, wird letztere heute nur noch von der kleineren Gruppe der Parsen ausgeübt. Dann folgen die Kerzen für die drei monotheistischen Religionen des Westens: Judentum, Christentum und Islam.
Die achte und letzte Kerze steht für weitere Weisheitslehren und religiöse Gruppierungen, die nicht in die großen Weltreligionen eingeordnet werden können. Dazu gehören zum Beispiel die Gnostiker, der Sufismus, der Taoismus, der Konfuzianismus, der Schamanismus, die Naturreligionen (Native Indians) sowie die Gruppen der Sikhs, Jains und Bahai und viele mehr.
Die Zeremonie symbolisiert den Göttlichen Geist der Führung, der in verschiedenen Zeitaltern an verschiedenen Orten, in verschiedenen Persönlichkeiten auf die Erde gekommen ist, um den Menschen eine Botschaft zu übermitteln, welche Trost, Hoffnung, Kraft, Mut und Orientierung für ihr Leben auf der Erde spenden aber auch den menschlichen Geist inspirieren, emporheben und an die Eine Wahrheit erinnern soll, nach der jede Seele sich sehnt.
Die Lichterzeremonie endet mit einem Gebet der gemeinsamen Verherrlichung.

Die heiligen Schriften

Vor den Kerzen, die nun ihr Licht in den Raum ergießen, liegen auf dem Altar die Heiligen Schriften der verschiedenen Religionen. Es ist ein großes Privileg unserer Zeit, dass uns die Weisheitslehren der Propheten und Religionsgründer früherer Epochen zugänglich sind – von den Veden und Upanischaden über die Lehrreden Buddhas und die Gathas des Avesta, von Zarathustra bis hin zur Tora, dem Talmud, dem Koran und dem Neuen Testament.
Jeder Universelle Gottesdienst widmet sich einem bestimmten Thema. Zu dem ausgewählten Thema werden nun Zitate aus den Heiligen Schriften der Weltreligionen verlesen.
Jedes dieser Zitate beleuchtet das Thema aus einer anderen Perspektive, sodass es am Ende in all seinen Dimensionen und Fassetten gleichzeitig erscheint. Erst diese holistische  Betrachtung lässt es schließlich in seiner innersten und wahren Bedeutung für die Menschheit erstrahlen. Es ist die Eine Wahrheit, welche die Propheten und Weisen jeweils zu ihrer Zeit auf ihre ganz spezielle Weise zum Ausdruck gebracht haben.
Zur Einstimmung in die Schriftlesung wird auch gern Musik aus der jeweiligen Religion gespielt, gesungen, evtl. wird auch getanzt. Die Lesung endet mit einem Gebet, das die lebendige Gegenwart der großen LehrerInnen der Menschheit, der MeisterInnen, Heiligen oder ProphetInnen der verschiedenen Religionen würdigt.

Ansprache und Segen

Nach einer kurzen Ansprache des verantwortlichen Leiters bzw. der Leiterin der Zeremonie, welche die aktuellen, die inspirierenden, aber auch die sehr berührenden Aspekte des ausgewählten Themas noch einmal bewusst macht, schließt der Gottesdienst mit einem Gebet und dem Segen.

Verschiedene Anlässe

Darüber hinaus bietet der Universelle Gottesdienst die üblichen priesterlichen Dienste an wie die Lichttaufe von Kindern, Trauung, Beerdigung, Segnung von Haus und Wohnung oder Reinigung derselben von unerwünschten Einflüssen.

Einheit in der Vielfalt

»Jede der verschiedenen Religionen lässt einen Ton erklingen, und dieser Ton ist die Antwort auf das Bedürfnis der Menschheit einer bestimmten Zeitepoche. Zugleich ist der Ursprung jeder einzelnen Note die eine Musik, die wahrnehmbar wird, wenn alle Töne zusammen erklingen. Die verschiedenen Religionen sind wie einzelne Töne, die in ihrem Zusammenklang jene Melodie ertönen lassen, die schon immer existiert hat, auf die die Menschheit als Ganzes aber noch nicht genug vorbereitet war.«
Hazrat Inayat Khan

Die Weltreligionen sind zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen entstanden. Deshalb unterscheiden sie sich in ihren Gottesvorstellungen, Ritualen, Glaubensinhalten und verehren unterschiedliche Propheten und Heilige. Der Universelle Gottesdienst respektiert diese Unterschiede, ja er feiert sie als Bereicherung, denn er wurzelt in der Überzeugung, dass sich in all der Vielfalt letztlich der Eine Göttliche Geist manifestiert.

Unsere Zeit ist reif für die Erkenntnis, dass es kein friedliches Miteinander der Religionen geben kann, solange deren Anhänger die Unterschiedlichkeit betonen und sich voneinander angstvoll abgrenzen. Bis in unsere Tage führen Völker Kriege, die ganz oder teilweise religiös motiviert sind. So ist der Universelle Gottesdienst Friedensarbeit im edelsten Sinne des Wortes.

Wer gestaltet den Universellen Gottesdienst?

Oft sind die Menschen, gerade wenn sie den Universellen Gottesdienst zum ersten Mal erleben, tief berührt von dessen symbolischer Kraft und inspirierender Stimmung. Im eigenen Herzen mag dann beim einen oder anderen die Sehnsucht aufsteigen, einen solchen Gottesdienst selbst in eigener Verantwortung durchzuführen.
Hierzu bietet der Inayati-Orden eine Ausbildung zum Cherag (Lichtbringer) an, das sind die verantwortlichen LeiterInnen des Universellen Gottesdienstes. Die Ausbildung bietet die Möglichkeit, sich einerseits das nötige Basiswissen über die einzelnen Religionen anzueignen, andrerseits die Bedeutung des Rituals und die hohe Einstimmung zu erlernen, die nötig ist, um diese Botschaft authentisch zu repräsentieren. Der Ausbildungsweg endet mit der Ordination (Einweihung). Jährlich werden mindestens zwei Cherag-Trainings und ein Cherag-Retreat angeboten, die von Cherags, Cherag-KandidatInnen, gern aber auch von Interessenten wahrgenommen werden, die sich (noch) nicht für die Ausbildung entschieden haben.

Interessierte können sich an die Zweigleitung des Universellen Gottesdienstes wenden insbesondere wenn sie den ernsthaften Wunsch verspüren, an dieser erhabenen Vision der Einheit der göttlichen Ideale der Menschheit
mitzuwirken, so wie sie von Hazrat Inayat Khan in die Welt gebracht wurde.

Kontakt

Heinz Tawhid Köhler
Telefon  06084-949768
UniversellerGottesdienst@inayatiorden.de

Als Einstieg für Interessierte

Hazrat Inayat Khan: Die Einheit der religiösen Ideale.
East-West-Publikation, ISBN 978-905340021-0

Die Gebete der Confraternity

Die jeweiligen Texte zu den Gebeten in Englisch und deutscher Übersetzung finden Sie auf der Seite Unsere Gebete.